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Meine Geschichte

Von der Krücke zum Spitzenschuh

Seltsamer Titel… denkst du wahrscheinlich. Aber für mich war nicht immer klar, dass ich Ballett machen kann.

Ganz besonders nicht im Sommer 2011, als ich – viel zu spät – bemerkte, dass ich nach einem Unfall im Sportunterricht, bei dem ich mir das linke Sprunggelenk verdreht hatte, die Schmerzen im linken Bein nicht mehr loswurde.

Also ging es ab zum Arzt, erst ein lokaler Orthopäde im Gesundheitszentrum der nächsten Stadt. Der ließ Röntgenbilder machen und stellte nichts am Knochen fest. Hatte dann aber die Dreistigkeit, mich zu fragen:

„Haben Sie denn heute eine Mathearbeit, die Sie nicht schreiben wollen?“

Obwohl er mir offensichtlich nicht glaubte, dass ich wirklich Schmerzen hatte, verschrieb er mir einen Zinkleimverband, der zusammen mit viel Ausruhen und auf Krücken gehen gegen die Schmerzen half. Aber richtig gingen sie nicht weg.

Also ging es weiter in die Orthopädie der nächstgelegenen Uniklinik, wo sich zwölf verschiedene Ärzte meinen Fuß ansahen, bevor sie mit einem Schulterzucken konkludierten, dass man das Krankheitsbild nur mit einer Arthroskopie klären konnte. Meine Mutter und ich waren nicht gerade begeistert und gingen zu einem anderen Orthopäden, der mir nach einem Beratungstermin eine radioaktive Flüssigkeit in die Sehne spritzte, welche auch wieder nur kurzfristig Besserung brachte.

Im Endeffekt entschieden wir uns auf Druck des 14. und letzten Orthopäden doch für die Operation, bei der – oh Wunder! – nichts herauskam.

Da ich sehr viel in der Schule fehlte und auch so meine sportlichen Hobbys nicht ausüben konnte, hatte ich viel viel Zeit für Youtube. Und begann in dieser Zeit, alles zum Thema Ballett zu konsumieren, was ich nur finden konnte. Tipps, Mitschnitte von Aufführungen, Erfahrungsberichte von Profiballetttänzern und Promo-Videos vom Australian Ballet und Royal Opera House. Und so habe ich mich in einer Zeit, in der ich kaum auf beiden Beinen laufen konnte, ins Ballett verliebt.

Leider lösten sich die Probleme nicht in Luft auf und als ich im Oktober 2015 das erste Mal vor dem Ballettsaal an meiner Universität stand, hatte ich eine Angst, deren Stärke ich dir nicht mal annähernd beschreiben kann. Ich habe mich gefragt:

Was, wenn ich es nicht mag?

Was, wenn ich mich wieder verletze?

Was, wenn ich es genauso liebe, wie ich denke und mein Fuß Probleme macht?

Aber ich bin trotzdem in den Saal gegangen und es gibt bis zum heutigen Tag nichts, was ich in meinem Leben WENIGER bereut habe, als durch die weiße Tür zu gehen.

Und da war sie: Eine ganz neue Welt, in der ich meine Haare streng zurückbinde, ein Trikot, einen Rock und Strumpfhosen trage. Was für mich extrem untypisch war.

Und plötzlich waren da diese Gefühle: Triumph, weil mein Fuß sich meinem Willen unterwarf und keine Probleme machte,
neu gefundenes Selbstbewusstsein, weil ich plötzlich sehen konnte, dass ich mich elegant bewegen kann und vieles mehr. Neue soziale Kontakte, die ich im Alltag niemals hätte knüpfen können.
Und plötzlich war ich etwas, was ich nie gedacht hätte:

Ich war elegant!

Ich betrachtete mich gern im Spiegel!

Und noch heute, mehr als 4 Jahre später, vergesse ich alle meine Sorgen, wenn die ersten Töne des Unterrichts den Ballettsaal füllen..

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